Interview: „Wir haben uns für die Nanostart als erfahrenen Partner entschieden“
Moskau, 19. September 2011. Alexander Kondrashov, Managing Director von Russlands größter Nanotechnologie-Investmentgesellschaft RUSNANO, über die Modernisierungsoffensive der russischen Regierung und die Rolle von RUSNANO.
RUSNANO wurde 2007 gegründet und mit 10 Milliarden USD ausgerüstet, um Russland zu einer führenden Nanotechnologienation zu machen. Das geht von der Aufklärung und Information der Bevölkerung zur Nanotechnologie über Bedarfsanalysen und Prognosen, Ausbildungsoffensiven für entsprechend qualifizierten Nachwuchs, bis hin natürlich zur Förderung vielversprechender Produkte und Verfahren und deren Kommerzialisierung. Wie greift das alles ineinander und wo sehen Sie die besonderen Vorteile, die gerade Russland hat, um solch ein Mammutprogramm durchzuführen?
Kondrashov: Zunächst ein paar Worte zur Struktur von RUSNANO: 2011 haben wir unsere Aktivitäten in die Bereiche Investments und Non-profit-Projekte aufgeteilt. RUSNANO ist zum einen ein Investment-Fonds für Nanotechnologie. Darüber hinaus hält RUSNANO eine Tochtergesellschaft, die als Non-profit-Infrastrukturfonds organisiert ist. Sie ist für Schulungs- und Ausbildungsprogramme, die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Förderung neuer Technologien und für Gemeinschaftseinrichtungen und Kompetenzzentren zuständig. Ziel des Non-profit-Fonds ist es, ein angenehmes Umfeld für Investoren und Unternehmen zu schaffen und dadurch die Einführung neuer Technologien zu erleichtern. Der Fonds co-finanziert Schulungs- und Ausbildungsprogramme, beschäftigt sich mit legislativen Hürden wie beispielsweise technischen Vorschriften, usw. RUSNANO ist einer der Investoren, die den Fonds bei seinen Aktivitäten unterstützen. Vorrangiges Ziel von RUSNANO ist die Gründung einer Vielzahl von Unternehmen in unterschiedlichen Branchen, die sich auf neue Technologien spezialisieren und große Investitionen in Forschung und Entwicklung tätigen.
RUSNANO wurde 2007 als Staatsholding gegründet und später in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Bisher ist der russische Staat der einzige Aktionär. Ist vorgesehen, dass Aktien am Markt verkauft werden? Welche Strategie verfolgt RUSNANO als Unternehmen?
Kondrashov: Der Staat plant, im nächsten Jahr 10 Prozent von RUSNANO an private Investoren zu verkaufen. Bisher steht jedoch nicht fest, ob dies in Form eines Börsengangs oder einer Privatplatzierung erfolgen soll. Ziel von RUSNANO ist es, sämtliche gemeinnützige Entwicklungsaktivitäten im Non-profit-Fonds in staatlicher Hand zu belassen. RUSNANO als Investmentfonds sollte hingegen über Privatinvestoren und private Finanzmittel verfügen.
Was sind die größten Herausforderungen, denen sich RUSNANO und Russland auf dem Weg zur führenden Nanotechnologienation aus Ihrer Sicht stellen müssen?
Kondrashov: Die größte Herausforderung ist aus meiner Sicht die Schaffung eines geschäftsfreundlichen Umfeldes. Für Unternehmen ist es nicht besonders schwierig, sich die notwendigen Geldmittel auf dem Markt zu beschaffen. Es ist jedoch eine Herausforderung, ein smarter Geldgeber zu sein. Wir als RUSNANO sind ein smarter Kapitalgeber. Wir öffnen nicht nur Türen für den Eintritt in den russischen Markt mit all seinen Möglichkeiten, sondern verfügen auch über umfassende Erfahrung im Hinblick auf Unternehmensstrategien. Wir verfolgen allerdings das Ziel, dieselben Kompetenzen auch mit internationaler Ausrichtung anzubieten. Wir investieren global, wir denken global und wir schaffen Geschäftschancen auf verschiedenen Märkten für Unternehmen mit einem Fokus auf neue Technologien.
Sie arbeiten bei der Umsetzung des Programms mit Partnern aus der ganzen Welt zusammen. Welche Vorteile haben ausländische Partner, die mit RUSNANO zusammenarbeiten? Was macht es für sie attraktiv, in Russland aktiv zu werden?
Kondrashov: Russland ist riesig – nicht nur aus geografischer Sicht, sondern auch im Hinblick auf die Geschäftschancen. RUSNANO bietet also „Smart Money“ und gleichzeitig großartige Geschäftschancen. Und Russland ist ein Markt, der neue Technologien benötigt. Unternehmen mit Fokus auf neue Technologien und Produkte sind willkommen und werden bestmöglich unterstützt.
Weltweit nanotechnologisch führend ist sicherlich immer noch die USA. Auch das Prinzip Venture Capital, das gerade bei jungen Technologieunternehmen eine große Rolle spielt, hat dort eine lange Tradition.
Wo ist die USA Vorbild für die nanotechnologische Entwicklung in Russland? Was ist in Russland besser oder soll besser gemacht werden als in den USA?
Kondrashov: Ich erkenne zwei wichtige Gründe für den Erfolg der USA: Der Zugang zu Kapital und der Zugang zum Markt. Genau darauf wollen auch wir aufbauen. In Russland bieten zahlreiche Seed- und Venture-Stage-Fonds Zugang zu Beteiligungskapital. Über Skolkovo (Hightech-Zentrum in der Nähe von Moskau) und über andere Einrichtungen kann man F&E-Zuschüsse erhalten. Der Modernisierungsansatz des Präsidenten regt nationale Vorreiter und führende Unternehmen dazu an, innovativ zu sein. Russland verfügt über die Finanzierungsmittel, jetzt bieten wir auch den Markt dafür. Sie treffen in Russland heute auf weniger Hürden, weniger Regulierungen und ein mittlerweile wesentlich angenehmeres Umfeld als in anderen Ländern.
Nanotechnologie ist heute schon nahezu in jeder Branche zu finden, sie bildet die Grundlage für Innovationen. Auf welchen Gebieten, in welchen Branchen sehen Sie für Russland den größten Bedarf, Innovationen hervorzubringen? Gibt es Bereiche nanotechnologischer Anwendungen, die besonders im Fokus von RUSNANO stehen? Vielleicht im Zusammenhang mit den immensen Erdöl- und Erdgasreserven?
Kondrashov: Tatsächlich ist der Öl- und Gasmarkt in Russland enorm groß und jedes neue Produkt, das von den Marktakteuren im Bereich Öl und Gas angenommen wird, kann mit sehr guten Absatzzahlen rechnen. Wir fokussieren uns jedoch auch auf Konsumgüter, Pharmazeutika und medizinische Geräte sowie auf Elektrogeräte und Maschinen. Wir sehen uns natürlich all unsere Optionen an, immer unter dem Gesichtspunkt, mögliche Synergien zwischen unserem aktuellen Portfolio und den Zielprojekten zu erzielen.
Wo sehen Sie die russische Wirtschaft in 10 Jahren?
Kondrashov: Da bin ich ziemlich optimistisch. Wir verfügen über einen großen Binnenmarkt, der mit Sicherheit immer größer werden wird. Dabei meine ich nicht nur den Einzelhandelsmarkt. Natürlich muss Russland zahlreiche Investitionen in die Infrastruktur vornehmen. Und das tut es auch: vom Transport, über Straßen, Sportstadien bis hin zu Stromnetzen. Neben dem großen nationalen Markt wird Russland in zehn Jahren aber auch über eine neue und breit aufgestellte Industrie verfügen, mit zahlreichen Technologie-Unternehmen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass RUSNANO an den erfolgreichsten dieser Firmen beteiligt sein wird.
Ein deutsches Unternehmen, an dem sich RUSNANO beteiligt hat, ist die ItN Nanovation AG. Dort sind Sie Mitglied des Aufsichtsrats. Die patentierte Nanokeramik des Unternehmens ermöglicht innovative Anwendungen als Beschichtung in Kraftwerken und Gießereien, aber auch bei der Wasserfiltration. Können sie etwas über die strategischen Gründe für Ihre Beteiligung an der ItN sagen?
Kondrashov: ItN Nanovation verfügt über eine erstklassige neuartige Materialtechnologie. Wir sind der Auffassung, dass wir die Patente und das geistige Eigentum im Bereich Wasseraufbereitung sowie in der Metall- und Kraftwerksindustrie in bahnbrechende Produkte transformieren können. ItN hat bereits gemeinsame Entwicklungsaktivitäten und Tests mit RUSAL und mehreren Energieunternehmen aufgenommen. Wir sehen gute Marktchancen für die Produkte von ItN in Russland.
Sie sind seit 2009 Berater des Gouverneurs von Perm. Dort soll ein Fonds aufgelegt werden, der in regionale Nanotechnologieunternehmen investiert. Partner von RUSNANO sind der Gouverneur von Perm und die Nanostart AG. Warum ist aus Ihrer Sicht Perm eine sehr gut geeignete Region für solch einen Fonds? Warum haben Sie sich aus dem Bewerberpool für die Nanostart als Partner und Fondsmanager entschieden?
Kondrashov: Perm bietet eine attraktive Kombination aus großen Unternehmen aus den Branchen Öl und Gas, Metall, Bergbau und Chemie sowie aus anerkannten F&E-Zentren. Perm verfügt über zwei staatliche Universitäten sowie zahlreiche staatliche und private F&E- und Kompetenzzentren. Der Gouverneur, Oleg Chirkunov, und die Regionalregierung der Region Perm unterstützen Unternehmen, die neue Technologien implementieren, um einen funktionierenden Mechanismus zur Kommerzialisierung von Innovationen aufzubauen, der von der Entwicklung im Labor über den Markteintritt bis hin zur internationalen Expansion reicht. Kapitalquellen wie Beteiligungskapital, staatliche Förderungen sowie Unternehmensfinanzierungen werden benötigt, um dieses Ziel zu erreichen. Hierfür brauchen wir einen wirklich erfahrenen Partner für das Management des Venture-Fonds. Daher haben wir uns für Nanostart entschieden.
Vielen Dank Herr Kondrashov.

















