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„Russland will bis 2030 eine Billion Euro investieren“
Russland ist das größte Land der Welt mit einem extremen Rohstoffreichtum. Es besitzt die weltweit höchsten Erdgasreserven und gehört zusammen mit Saudi-Arabien zu den beiden führenden Erdölexporteuren. Der Großteil der Staatseinnahmen stammt aus dem Rohstoffexport. Seit ungefähr zwei Jahren wird mit staatlichen Mitteln die Modernisierung der Wirtschaft forciert. Dabei wird auch mit externen Partnern zusammengearbeitet. Einer davon ist die Nanostart. Sie hat im April den Eintritt in den russischen Markt gemeldet. Die Nanostart legt zusammen mit RUSNANO und dem Gouverneur von Perm einen regionalen Nanotechnologie-Fonds für die Region Perm auf. RUSNANO ist eine russische Gesellschaft, die nur zur Kommerzialisierung nanotechnologischer Innovationen gegründet wurde. Ihr stehen 10 Milliarden Dollar zur Verfügung.
Wir sprachen mit Alexander Markus, Mitglied der Geschäftsführung bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau, über die russische Modernisierungsoffensive.
Deutschland ist für Russland einer der wichtigsten Handelspartner. Wie können deutsche Unternehmen von der Modernisierungsoffensive des russischen Staates profitieren?
Flächenmäßig ist Russland wirklich das größte Land der Erde, aber schauen Sie sich mal die Bevölkerung an: mit 142,9 Millionen Einwohnern sind das nur 74 Prozent mehr als in Deutschland leben, nicht einmal mehr doppelt soviel. Geografisch hingegen passt unser Land 48-mal auf die Fläche Russlands. Aber das ist natürlich nicht wirklich relevant, wenn wir über Nanotechnologie reden (lacht). Noch vor kurzem waren wir umsatzmäßig sogar der größte Handelspartner. China und die Niederlande haben uns da inzwischen überholt.
…aber wir sind trotzdem immer noch der wichtigste Partner für Russland
… ja, wenn wir von „Wichtigkeit“ sprechen im volkswirtschaftlichen Sinne haben Sie sicherlich immer noch recht: Deutsche Firmen exportieren nach Russland vor allem Anlagen, Maschinen und immer mehr auch Technologie. In einem Land, das von sich selber sagt, dass die Industrieinfrastruktur im Vergleich zu entwickelten Industrieländern immer noch 20 Jahre hinterher hängt, werden vor allem solche Investitionsgüter benötigt, die Deutschland liefert. Wir haben uns gemeinsam mit der GTAI – Germany Trade & Invest – im letzten Jahr mal die Mühe gemacht, alle Projekte aufzulisten, die momentan im Rahmen der Modernisierungsoffensive in Russland geplant sind. Das Ergebnis haben wir als Broschüre unter dem Titel „Modernisierungsoffensive in Russland. Handbuch der Geschäftschancen“ veröffentlicht und man kann es bei der GTAI erwerben. Wenn man nun alle Projekte summiert, dann plant Russland bis zum Jahr 2030 insgesamt eine Billion Euro zu investieren – also eine 1 mit zwölf Nullen, 1.000 Milliarden.
Wie zuverlässig ist diese Angabe?
Gewiss wird es hier und dort bei den Projekten Abstriche geben und man wird nicht alles umsetzen können. Aber diese Zahl wurde errechnet, als die Entscheidung über die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft für das Jahr 2018 nach Russland noch nicht feststand. Und eine Fußballweltmeisterschaft ist nicht konzentriert wie eine Olympiade auf eine Region wie Sotschi 2014, sondern dafür braucht Russland die entsprechende Infrastruktur in mehreren Landesteilen. Ich denke diese Zahlen sprechen schon für sich, wenn man nach den Möglichkeiten deutscher Firmen in den nächsten 20 Jahren in Russland fragt.
Für die Wirtschaft ist die Umsetzung von Forschungsergebnissen in kommerzielle Produkte entscheidend. Wie sieht es damit heute in Russland aus?
Das ist die große Herausforderung, vor der Russland steht: Wie intensiviere ich die Zusammenarbeit zwischen angewandter Forschung und Wirtschaft? Ein Vertreter der Firma Bayer hat dies einmal sehr gut ausgedrückt: Man interessiert sich dort nur für die Forschungsprojekte, die value added, also Mehrwert, bei einem der Produkte oder durch neue Produkte erbringen. Vor diesem Hintergrund ist es sehr gut, dass ein staatliches Unternehmen wie RUSNANO gerade auf diesem Gebiet die Prioritäten setzt und auch keinerlei Scheu davor hat, intensiv mit ausländischen Partnern zusammenzuarbeiten. Und das ist sicherlich nicht zuletzt auch auf das außerordentliche politische Standing von Anatolj Chubais, dem Chef von RUSNANO, zurückzuführen. Es gibt nicht so viele Staatsmanager, die sich das in Russland in gleichem Maße erlauben können.
Die Nanostart geht nicht alleine auf den russischen Markt, sondern mit zwei großen russischen Partnern, einer davon ist RUSNANO. Welchen Vorteil haben deutsche Unternehmen, die in Russland mit großen Partnern zusammenarbeiten?
Ganz ohne die Kooperation mit Partnern kommen in Russland nur die ganz, ganz großen Firmen aus. Aber es kommt auch sehr auf den Bereich an, in dem man arbeitet und wie man die Kooperation gestaltet. Dem normalen Mittelständler, der in Russland sein Geschäft aufbauen will, raten wir in der Regel von der Gründung eines Joint Ventures ab. Das hat einfach die Historie der letzten Jahre bewiesen, dass es langfristig besser funktioniert, wenn man eine Direktinvestition wie z.B. den Aufbau einer Produktion für Lebensmittel wie Streichkäse auf der grünen Wiese und zu 100% im Eigenbesitz macht.
Und wie sieht es in anderen Bereichen aus?
Wenn es um ein Business geht, das nicht als gewöhnliches b2c ausgelegt ist oder wenn der Kunde eine staatliche Struktur selber ist, dann sieht es wirklich anders aus. Da kann es gut sein, dass eine Kooperation mit einem russischen Partner die Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Einstieg ist. Das ging z.B. auch Siemens so beim Bau des neuen Hochgeschwindigkeitszuges „Sapsan“ in Russland. Beim Einstieg mit einem starken Partner öffnen sich natürlich viele Türen in Russland schneller, als wenn man alles von Anfang an selber anfängt aufzubauen. Man muss aber trotzdem seine ganz normalen betriebswirtschaftlichen Hausaufgaben machen – wie bei allen Projekten in einem fremden Land – und sehr genau darauf achten, wie man die eigenen Interessen schützt. Man darf die andere Seite, sollte es in der Zukunft zu einem Konflikt kommen, auf keinen Fall unterschätzen.
Wie beurteilen Sie die Region Perm als Eintrittstor auf den russischen Markt?
Wenn man sich unsere letzte Regionalbefragung deutscher Unternehmen aus dem letzten Jahr anschaut, schneidet die Region Perm gar nicht so schlecht ab. Gerade bei den harten Standortfaktoren, also dem wirtschaftlichem Potenzial, der Verfügbarkeit von Rohstoffen und der Zusammenarbeit mit Finanzinstituten, schnitt die Region überdurchschnittlich gut ab – mit über 5 von insgesamt 6 Punkten. Bei den Punkten Energieversorgung, IT-Infrastruktur/Internet und Telekommunikation vergaben deutsche Firmen immer noch 4,5 von insgesamt 6 möglichen Punkten.
Sie unterstreichen die hard facts, wie sieht es mit den weichen Standortfaktoren aus?
Bei den soft facts erreicht Perm nur bei der Frage nach der Qualifikation der Arbeitskräfte sowie der Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern vor Ort ähnlich gute Werte wie bei den harten Standortfaktoren. Aber das sind auch sehr wichtige Faktoren für ein erfolgreiches Investment. Insgesamt kann man wohl sagen, dass Perm zu den Regionen gehört, die von deutschen Firmen bisher eher unterschätzt wurden.
Herr Markus, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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